Ich habe das Gefühl für mich verloren
- Jenny Becker

- 11. Juli 2024
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Juli 2024

Ich bin den ganzen Tag müde, eigentlich schon direkt nach dem Aufstehen. Gegen Mittag bin ich so kaputt, dass ich mich am liebsten ins Bett legen würde. Tue ich sicher nicht – „the show must go on“. Die krasse Müdigkeit am Tag führt leider nicht dazu, dass ich am Abend besser zur Ruhe finden kann. In meinem Kopf die ganze Zeit eine Lautstärke und permanentes Overthinking von To Do Listen für den nächsten Tag.
Meine routinierten Abläufe funktionieren weiterhin ausnahmslos gut. Auf die Arbeit fahren und hier Leistung bringen. Das Haus in Ordnung halten, kochen, waschen, putzen. Allerdings halte ich öfter inne, weil mein Kreislauf verrücktspielt. Also tief durchschnaufen, erstmal sammeln und weiter geht’s. Um ehrlich zu sein - ich fühle mich nicht gut. Ich bin erschöpft und versuche mir nichts anmerken zu lassen. Ich versuche stolz auf mich zu sein, weil ich alles allein schaffe. Und gleichzeitig bin ich wütend auf mich wenn nicht alles glatt läuft und weil ich meine Wut nicht unter Kontrolle habe. Ich fühle mich wie in einem Schlauchboot auf hoher See. Ich halte mich krampfhaft fest. Ich habe Angst vorm kentern. Ich hoffe, dass dieser Tag nie kommen wird und gleichzeitig beschleicht mich eine Vorahnung. Es ist nur eine Frage der Zeit, des wann und des wie. Aber dass es passiert, ist klar.
Wenn das Wochenende in Sicht rückt, ich vielleicht mit Freundinnen verabredet bin, sage ich
immer öfter ab. Ich fühle mich nicht dazu in der Lage. Ich habe nicht die Kraft und Lust irgendetwas zu unternehmen. Die Aussicht auf solche Treffen bereitet mir zusätzlichen Stress, dabei sollte es doch etwas Schönes sein, sich mit lieben Menschen auszutauschen. Und selbst Aktivitäten wie zum Beispiel ins Kino gehen, werden mir langsam zum kraus. Und das ist sehr milde ausgedrückt. Ich bin innerlich gänzlich unruhig, komplett gehetzt. Und mir ist richtiggehend übel. Ich fange an Medikamente und Spucktüten einzupacken, bevor ich aus dem Haus gehe. Nur zur Sicherheit. Denn so habe ich zumindest das Gefühl, alles im Griff zu behalten.
Leider helfen diese Vorkehrungsmaßnahmen nicht dauerhaft und es geht mir immer schlechter. Um Meetings auf der Arbeit würde ich mich am liebsten drücken. Der totale Horror. An meinem Schreibtisch bin ich nach wie vor „save“.
Ich frage mich immer öfter, wo ich eigentlich bleibe. Was ist mit mir? Was möchte ich? was tut mir gut? Wer bin ich überhaupt? Und zwar, wenn ich nicht gerade in einer meiner Rollen stecke. Und warum ist das eigentlich so verdammt schwer zu beantworten...
Mein Alltag wird langsam immer mehr zum Spießrutenlauf. Damit du weißt, was ich meine, hier ein Beispiel für dich. Wir haben Freunde zu Besuch eingeladen. Es soll ein schöner Abend werden, mit leckerem Essen und netten Gesprächen. Ich bin gerade am Essen zubereiten und es legt sich ein Schalter bei mir um. Ich brate gerade das Essen an und habe plötzlich ein so starkes Gefühl von Übelkeit. In meinem Kopf herrscht Chaos, ich muss aus der Küche raus und ich flüchte nach oben in unser Schlafzimmer. Mein Mann ist nicht glücklich über diese Wendung, aber ich kann nicht mehr nach unten kommen. Mir geht es hundeelend. Auch später am Abend kann ich mich nicht aufraffen, um mich kurz zu verabschieden. Ich bin wütend auf meinen Mann, dass er nicht versteht, wie es mir geht. Und ich schäme mich so sehr dafür, einfach verschwunden zu sein. In meinem eigenen Zuhause vor der Situation geflüchtet.
Um auf den Spießrutenlauf zurückzukommen. Ich fange an abzuwägen, wann ich was unternehmen kann, wann es mir gut genug geht zum Einkaufen, Kino, was auch immer. Das klingt jetzt erstmal nach Fortschritt á la „endlich hört sie auf sich“, aber denk bloß nicht, dass ich mich jemandem anvertraue oder gar um Hilfe bitte. Nein, auf gar keinen Fall. Ich möchte in meinem Leben doch nicht fremdbestimmt sein, sondern Selbstbestimmt. Um Hilfe zu bitten ist in diesen Situationen für mich genau das Gegenteil von Selbstbestimmt. Das würde bedeuten, dass ich zugeben muss, mein Leben nicht unter Kontrolle zu haben.
Ich bin schon seit meiner Kindheit Meisterin im Mauern um mich herum errichten. Dicke und sehr hohe Mauern, sodass nichts und niemand weit genug zu mir vordringen kann. Ich bin Expertin darin, meine Probleme wegzulächeln, sodass niemand auf die Idee kommt, dass es mir nicht gut geht.
Und so kommt es wie es kommen musste. Ich stehe mitten im Supermarkt mit beiden Kindern, der Wagen schon halb voll. Ich bekomme wieder Kreislaufprobleme, meine Ohren rauschen so laut, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören kann. Mein Herz schlägt so heftig, dass es eigentlich jeder im Laden hören muss. Mein Hirn surrt als würde es heftig vibrieren, ich bekomme plötzlich Schweißausbrüche, mir ist schrecklich heiß - ich habe Todesangst. Alles um mich herum hört sich an wie in Watte gepackt. In meinem Kopf dreht sich alles. Ich muss hier raus mit den Kindern, sofort. Ich schaffe es nicht noch an die Kasse zu gehen. Das halte ich nicht aus. Ich lasse den Einkaufswagen so wie er ist stehen, schnappe mir die Kinder und versuche mich, möglichst hoch erhobenen Hauptes versteht sich, zum Auto zu steuern. Ich habe Angst hier einfach umzufallen, nicht mehr aufstehen zu können, meine Kinder im Stich zu lassen. Und so irrational der Gedanke ist. Ich muss mich und die beiden Mädchen in die Sicherheit unseres Zuhauses bringen. Und natürlich darf ich auf keinen Fall Schwäche zeigen. Nicht vor den ganzen fremden Menschen um uns herum. Und schon gar nicht vor und wegen der Kinder. Aber auch nicht wegen unserer Familien. Was sollen die denn alle von mir denken? Schließlich schaffe ich doch immer alles allein. Ich bin eine Macherin. Ich brauche keine Hilfe und habe ich es schon erwähnt? Selbst ist die Frau.
Und zwischendrin immer wieder Wut. Und diese Wut tobt in mir wie ein Orkan. Ich habe Angst, dass sie alles mit sich reißt. Das sie meine Ehe, meine Beziehung zu den Kindern und
zu guter Letzt mich mitreißt mit ihrer ganzen zerstörerischen Kraft. Und immer öfter kommt dann diese Angst vor der Angst... Und dass ich irgendwann in einem Burn-Out ende, wenn ich nichts verändere. Und doch kann ich nichts verändern. Und so versuche ich dieses ganze Angstthema wegzudrücken, indem ich einen Mantel des Schweigens über diese schrecklichen Situationen lege und tapfer weitermache. Ich bin ein Stehaufmännchen. Solche Momente, wie die im Supermarkt, muss ich noch einige Male durchleben bis bei mir endlich der Groschen fällt. Langsam sickert die Erkenntnis in mich.
Ich bin erst vierzig Jahre alt. Wenn ich jetzt nicht die Reißleine ziehe, schaffe ich es irgendwann nicht mehr aus dem Haus. Dann sitze ich für den Rest meines Lebens in meinem ach so perfekten Haus, hübsch eingerichtet und mit schönem Garten. Gefangen in den eigenen vier Wänden mit höllisch viel Angst vor der Welt da draußen. Das kann es nicht für mich gewesen sein.
„Es gibt nur eine Art, sich von der Angst zu befreien:
sich ihr zu stellen."
Jiddu Krishnamurti
Ich habe Glück und finde eine Therapeutin, die gerade erst ihre Praxis eröffnet und noch Kapazitäten frei hat. Und so gehe ich von nun an wöchentlich in eine Verhaltenstherapie und
zu Gruppengesprächen. Ich kümmere mich um mich und versuche, meine Symptome so in den Griff zu bekommen. Meine Diagnose: Angststörung und Emetophobie. Ich habe lange damit gehadert, dass die Ärzte recht hatten und meine Symptome scheinbar doch psychosomatischer Natur sind. Und ich habe mich gefragt, wie mein Leben so plötzlich so schieflaufen konnte. Obwohl ich doch immer so stark und belastbar bin. Und genau das ist der Punkt.
Jahre später und um viele Erkenntnisse und Erfahrungen reicher ist mir klar, mein Körper hat
das jahrelang angekündigt. Hat mir immer wieder einen Warnschuss gegeben. Ich konnte die Warnsignale nur nicht als solche deuten. Ich hätte sehen können, wo das für mich enden
kann. Und doch habe ich es nicht.
Wenn wir so belastbar, so stark sind, gehen wir häufig über unsere Grenzen. Und zwar öfter
als uns das gut tut. Sagen viel zu oft "ja" wo wir eigentlich "nein" sagen wollten. Und da wir selbst auf unsere Grenzen „pfeifen“ machen wir es unserer Umgebung ganz leicht das auch zu tun. Woher sollen die anderen auch wissen, wo unsere Grenzen sind, wenn wir nicht endlich anfangen zu kommunizieren. Es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und diese zu wahren. Sonst fühlen wir uns schnell fremdbestimmt. Vielleicht sind wir auch schon ausgebrannt und auf direktem Weg zu einem Burn-out. Wir verlieren den Kontakt zu uns. Und genau das ist bei mir passiert.
Ich habe die Befürchtung, ich kann nichts fühlen. An der Stelle, wo mein Herz eigentlich sein sollte, ist ein Eisklumpen. Da ist nichts. Keine Emotion, keine Gefühle, es ist einfach leer. Ich habe schlichtweg das Gefühl für mich verloren.
Wenn es dir so oder ähnlich geht, möchte ich dich wissen lassen, dass du nicht allein bist.
Ich fühle dich.
Ich freue mich, wenn du mir einen Kommentar hierlässt. Wie fühlst du dich im Moment? Und auch wenn da gar nichts ist – wenn du nichts fühlst. Wenn du „einfach nur“ leer bist.
Lass es mich gerne wissen. Ich bin hier, ganz wertungsfrei.
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